Schäferknecht 07.10.2012

Auch wenn wir bisher vom "Herbst" sehr verwöhnt wurden (der September war wohl der sonnigste seit vielen Jahren) holt uns der Oktober jetzt doch langsam ein. Jedenfalls haben Andrea und Harry, Eyleen und Ingo, Sybille, Berni, Enrico, Ralf, Ralf, Ralf und meiner Einer heute die volle Breitseite abbekommen – und das nicht nur wettertechnisch. Aber dazu später mehr.

Zunächst gab es morgens in Kremmen erst einmal Kaffee und Brötchen.













Dann ging es auf die Nord-/West-Passage.



















Unser Weg führte uns über Linum, Hakenberg, Karwesee, Lentzke, Manker, Lüchfeld, Gottberg, Logow und Dessow durch das herbstliche Ruppiner Land, bevor wir kurz vor Wusterhausen/Dossse unsere Einreihpause einlegten.







Und wie das mit neuen Maschinen manchmal so ist – irgendwas ist halt immer. In diesem Fall musste ein zu schmirgeln beginnendes Heckteil vor den zu heißen Auspuffgasen gerettet werden.





Aber bald konnte es wieder weitergehen.









Entlang des östlichen Ufers des Unter-, Ober- und Borker Sees passierten wir Bantikow, Stolpe und Bork und drehten schmalspurig auf Platten, Asphalt und Kopfstein nach Westen ab.





Bei diesem Hindernis



hegten wir diesmal große Zweifel, ob das mit der Sperrung ernst gemeint war. Die Schranke sah irgendwie nach manueller Selbstbedienung aus. ;-)



Aber dann kam doch noch ein kleiner Bummelzug und Wunder, Wunder die Holme hoben sich dann doch ganz von allein.



Rosenwinkel, Heidelberg (ja, richtig gelesen), Boddin, Seefeld, Krampfer und Rosenhagen hießen die folgenden Ortschaften, bis wir in den heutigen Zielort Perleberg einfahren konnten.







Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, war dies heute nur eine "halbe" Fritz-Tour. Es kam doch mehr auf den Ort an, den Fritz in einem berühmt gewordenen Brief an seinen Vater erwähnt. Die Story im Ganzen:

Eines der markantesten Symbole des preußischen Militärs waren wohl die berühmten "Langen Kerls". Die Soldaten des "Königsregimentes No. 6" waren die Favoriten Königs Friedrich Wilhelm I., dem Vater Friedrichs II. Wer in dieses Regiment aufgenommen werden wollte, der musste mindestens 6 Fuß (ca. 1,88 m) messen. Die ursprüngliche Idee war es, dass diese für damalige Verhältnisse besonders großen Männer es leichter haben würden, die langläufigen Vorderladegewehre zu tragen (sie wurden beim Marsch auf den Rücken geschnallt) und diese besser handhaben könnten. In der Praxis jedoch fand man nicht genügend solcher Rekruten und während die echten "Riesen" in der ersten Reihe standen, sammelten sich in den hinteren Reihen die kleiner gewachsenen Kameraden.

Es war also nicht leicht das Regiment entsprechend zu besetzen. So war es üblich, dass die Werbung auf dem Lande mit manchmal sehr rüden Methoden (viel Alkohol und körperlicher Gewalt) einherging. Wollte man dem König eine Freude machen, kam es auch vor, dass ihm passende Knechte "geschenkt" wurden.

In seiner Rheinsberger Zeit hatte Friedrich alle Hände voll zu tun, das zerrüttete Verhältnis zu seinem Vater wieder zu kitten. So wollte auch er ihm eine Freude machen und kündigte ihm mit einem Brief, der dafür berühmt wurde, ein passendes "Geschenk" an. Am 15. September 1732 schrieb er dem König:

"… Hier unweit von Perleberg ins Mecklenburgische hält sich ein Schäferknecht auf, welcher sechs Fuß vier Zoll gewiß haben soll. Mit Gutem ist nichts mit ihm auszurichten. Aber wenn er die Schafe hütet, so ist er alleine auf dem Felde, und könnte man ihn mit ein paar Offiziers und ein paar tüchtige Unteroffiziers schon kriegen. …"

Es ist nicht überliefert, ob diese Aktion schließlich gelungen ist.

Die "Langen Kerls" sind übrigens nie richtig zum Einsatz gekommen. Und das war wohl auch ganz gut so. Denn zumeist litten sie an Hypersomie (krankhafter Riesenwuchs) und waren körperlich wenig belastbar. Deshalb löste Friedrich dieses sehr viel Geld verschlingende Regiment nach seiner Thronbesteigung auf.

Und das war es dann auch schon. Kein Denkmal, kein Schaf und kein Schäferknecht weit und breit.

Und doch hütet die Stadt Perleberg bis heute ein "fürchterliches" Geheimnis. Deshalb hielten wir an diesem Gebäude.







Auch wenn es nicht hielt, was es versprach …





näherten wir uns der Vorderwand. Denn mittlerweile (seit 2009, dem 200. Jahrestag) prangt dort eine kleine Gedenktafel.



Ganz interessant – aber das war uns eigentlich wurscht. Es ging um ihn hier:



Auf das "Verschwinden des Lord Bathurst" bin ich schon vor einigen Jahren gestoßen, bin aber nie fündig geworden, was den Tatort betraf. Nun endlich steht also fest, dass es das spätere Postamt gewesen sein soll.

Benjamin Bathurst (*14.03.1784) war der jüngere Bruder des Titelerben Henry Earl of Bathurst, der im Jahr 1809 Außenminister des Britischen Königs war. In dessen Auftrag sollte Banjamin eine heikle diplomatische Mission ausüben: er sollte den Kaiser in Wien davon überzeugen, Napoleon den Krieg zu erklären, um damit die schon begonnenen Freiheitskriege gegen Frankreich zu einem Erfolg zu führen.

Die Verhandlungen waren schwierig und dennoch war seiner Mission Erfolg beschieden und so konnte er die Heimreise antreten. Er wusste, dass Napoleon durch Spione über den Meinungswechsel Österreichs informiert war und dass Napoleon ihn dafür zu seinem persönlichen Feind erklärt hatte. Es wurden Agenten ausgeschickt, um den jungen Lord zu fangen.

Bathurst war sich dieser Gefahr bewusst und so reiste er inkognito als "Baron de Koch" nur von einem Diener begleitet in einer kleinen unauffälligen Kutsche, in der aber Gewehre versteckt waren. Es gelang ihm weite Teile des von den Franzosen besetzten Landes zu passieren und so traf er zur Mittagszeit am 25. November 1809 in Perleberg ein. In der Poststation sollen die Pferde gewechselt werden, um gleich weiterzufahren. Aber Bathurst entschied sich anders. Er glaubte in der Dunkelheit des früh einsetzenden Novemberabends bessere Chancen zu haben unentdeckt zu bleiben und so verweilte er länger als geplant und kehrte im Gasthof "Zum Weißen Schwan" ein.

Nach dem Essen überkam ihn aber doch große Sorge und so wandte er sich an den preußischen Stadtkommandanten Klitzing, der ihm ein paar Soldaten als Wache zur Verfügung stellte. Gegen 19 Uhr entließ Bathurst seine Bewacher und wollte nun aufbrechen. Er stand draußen, betrachtete seinen Handkoffer, der von dem verzurrten Gepäck genommen worden war, ging herum um die Köpfe seiner Pferde … und wurde nie wieder gesehen.

Alle Bemühungen diesen Fall aufzuklären sind bis heute im Sande verlaufen. Es gibt mehrere Theorien. Die erschreckendste ist die, dass französische Agenten ihn überwältigt und entführt haben und nach Magdeburg verschleppt haben. In der dortigen Festung wurde im Jahr 1862 ein eingemauertes Skelett gefunden, das die Überreste Bathursts gewesen sein können. Spätere Untersuchungen konnten aber keine sicheren Beweise erbringen. Auch kommt ein Raubüberfall in Frage. Das Rätsel wird wohl nie gelöst werden.

Für uns galt es jetzt ein viel wichtigeres Rätsel zu lösen: nämlich wo würden wir nun zum Mittagessen einkehren können, denn von dem "Weißen Schwan" ist heute auch nichts mehr übrig geblieben. Also kurvten wir ein wenig durch die Stadt.







Hier der "Roland" vor dem Rathaus.





Schließlich wurden wir fündig. Auch wenn die Terrasse an dem kleinen Flüsschen Stepenitz einladend war, war es jetzt doch zu kalt dafür. Also verfrachteten wir uns ins Innere.













Mit dem Essen klappte es sehr gut. Gestärkt legten wir dann ab …



um gleich wieder anzuhalten, um auch den Rössern etwas Gutes zu tun.



Es ging dann südwärts gen Heimat. Wir passierten Plattenburg mit dem gleichnamigen Gebäude und fuhren wieder auf einem herrlichen Plattenweg durch die schöne Gegend.







Aber jetzt verließ uns das bisher einigermaßen gut gehaltene Wetter. Es fing an zu regnen.



Und hinzu kam dann noch, dass die vormals geprüfte Strecke auf einmal ziemlich sandig wurde.



Und noch dazu ziemlich grün, was bei dem Regen sehr rutschig wurde.





Das brauchte dann eine kleine ungeplante Pause.



Und auch wenn das jetzt nicht sehr glaubhaft klingt – aber die Strecke sah beim Abfahren der Tour noch ganz anders aus (ok., ok., der gesetzte Wegpunkt trug den Titel "Schlaglochpiste" aber so bewachsen war das Kopfsteinpflaster wirklich nicht!).

Wir setzten die Tour schließlich fort aber der Schrecken hatte hier noch kein Ende gefunden.











Von dem folgenden Vorgang gibt es keine Fotos und es ist wohl das gefährlichste, was in der Geschichte unseres Forum gleich einer ganzen Gruppe jemals passiert ist:

Wir sind von einer größeren Landstrasse kommend wieder einmal auf schmalere Pfade abgebogen. Zwischen den Orten Sandhorst und Kuhhorst passierte es dann. Ein Trecker hatte an einem Strassenabzweig eine gewaltige Fuhre Sand und Erde verloren, die die gesamte Kreuzung etwa 30 cm hoch bedeckte. Wegen des verdunkelten Himmels und des nassen Visiers und weil die Strasse ohnehin sehr schattig war, konnte ich das nicht rechtzeitig erkennen und nun hieß es mit gezogener Kupplung nur noch "durchkommen". Ich schwamm also mit eierndem Hinterreifen durch den Sandhügel und gab danach gleich mit der "Stotterbremse" Signal mit dem Bremslicht. Natürlich war es zu spät und so mussten alle da durch. Wenn einer gestürzt wäre, hätte es automatisch mehrere mitgerissen. Aber wie durch ein Wunder kamen alle Leute heile wieder auf festen Asphalt. Vor meinem geistigen Auge hatten sich schon Katastrophenbilder abgezeichnet. Aber wie gesagt es ist alles gut gegangen.

Auch wenn ich weiß, dass das nichts bringen wird, habe ich heute trotzdem wegen dieser Sache eine Strafanzeige erstattet (gefährlicher Eingriff in den Strassenverkehr durch Unterlassung). Welches faule Schwein auch immer den Dreck da nicht weggeräumt hat – ich hoffe sie finden ihn (oder sie, oder was auch immer).

So … genug Dampf abgelassen.

Es ging ein letztes Stück zurück nach Kremmen und das Wetter wollte uns wohl auch wieder versöhnlich stimmen.



Jedenfalls trafen wir bei schöner Abendsonne an der Scheune ein und bei einem letzten heißen Kaffee ging die Tour nach 262 km zu ende.













Weil es nun merklich früher dunkel wird, machten wir uns bald alle auf den Heimweg.



Trotz allem war es ein "besonderer" Tag, der zu einem Bikerleben eben auch dazu gehört. Wieder hat sich bewahrheitet, dass man bei uns das Fahren eben richtig lernt und weiß dann zu schätzen, wenn man in einer kritischen Situation auch einmal das nötige Quäntchen Glück erleben durfte.

In diesem Sinne bis zum nächsten Mal!

Gruß Ron